Vitamin B12 – wie ein Kanarienvogel im Bergwerk

Während der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Zucht und der Vertrieb von Kanarienvögeln ein beliebter Zusatzerwerb von Bergleuten im Oberharz. Der „Harzer Roller“ erlangte Weltruhm und wurde zu Hundertausenden exportiert – hauptsächlich in die Vereinigten Staaten.  Für die Bergleute spielte der Kanarienvogel eine besondere Rolle: Schon bei geringsten Konzentrationen des hochgiftigen, aber farb- und geruchlosen Kohlenmonoxids fielen die Vögel von der Stange und dienten als lebensrettende Frühwarnsysteme – lange, bevor ein Mensch über erste Symptome, wie Kopfschmerzen oder Übelkeit klagen könnte.

Der „canary in the coalmine“ wurde zum sprichwörtlichen Symbol eines natürlichen Warnsystems, das anzeigt, dass Gefahr im Verzug ist, bevor diese selbst klar erkenn- bar ist. Eine solche Rolle kommt auch dem größten aller Vitamine zu – Vitamin B12, Cobalamin.

Ausgehend von einer Reihe von Beobachtungen und Fallbeschreibungen1, die einen Zusammenhang zwischen einem Mangel an Vitamin B-12 und dem Risiko, an morbus Alzheimer zu erkranken, nahelegen, wurden in den letzten zehn Jahren vermehrt klinische Studien durchgeführt und veröffentlicht. Der Goldstandard einer Studie ist hierbei die sogenannte „Meta-Analyse“, die mehrere Studien nach strengen Qualitätsmaßstäben auswertet und zu einem Gesamtergebnis zusammenfasst.

Eine derartige Meta-analyse wurde vor kurzem von zwei holländischen Wissenschaftlern in Amsterdam durchgeführt2. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass ihre Analyse einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Alzheimer und einem Mangel an Vitaminen der B-Gruppe nahelegt, insbesondere Vitamin B12, Folsäure und Vitamin B6.

Neuere Studien erhärten diesen Verdacht: Menschen, bei denen erhöhte Werte an Markern gefunden werden, die auf einen Vitamin B12 Mangel schließen lassen, schneiden bei kognitiven Tests durchschnittlich schlechter ab und haben ein geringeres durchschnittliches Hirnvolumen – ein Hinweis darauf, dass Vitamin B12 Mangel zu einer Verringerung des Hirnvolumens führen könnte.

Unterstützung findet diese Hypothese auch durch eine neuere Finnische Studie, die im renommierten Journal Neurology3 veröffentlicht wurde: Die Forscher berichten hier über den Zusammenhang zwischen einer Vitamin B12-reichen Ernährung und einem verringerten Alzheimer Risiko.

Vitamin B12 – das Energievitamin

Eine der wichtigsten Funktionen von Vitamin B12 liegt in der Umwandlung von kom- plexeren Kohlenhydraten in Glucose (Traubenzucker) – die Form, die der Körper direkt zur Energiegewinnung einsetzen kann. Daneben hilft es auch dabei, Fettsäuren in Energie umzuwandeln. Im Gehirn kommt diesem Prozess eine besondere Bedeutung zu, da Neuronen den verfügbaren Traubenzucker sofort und ohne Umschweife nutzen und verbrennen können. Störungen in diesem Energiegewinnungsprozess werden daher zuerst in mentalen, kognitiven Prozessen sichtbar.

Menschen, die unter einem Vitamin B12 – Mangel leiden, klagen daher häufig zuerst über mentale Probleme wie Gedächtnisstörungen, Konzentrationsmangel, Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit. Erst später übertragen sich diese Symptome auch auf den restlichen Körper und manifestieren sich in Müdigkeit, Abgeschlagenheit und „Energiemangel“.

Wie kommt es zu Vitamin B 12 – Mangel?

Vitamin B12 ist das größte Vitamin, das wir kennen. Anders als andere Mikronährstoffe wird es nicht einfach aus der Nahrung aufgenommen, sondern benötigt ein komplexes System der Aufnahme – den sogenannten intrinsischen Faktor, ein körpereigenes Protein, ohne das Vitamin B12 nicht resorbiert und genutzt werden kann. Mit zunehmendem Alter produziert der Mensch immer weniger von diesem wichtigen Protein und die B12-Aufnahme wird behindert.

Viel wichtiger ist aber der potentielle B12 Mangel bei Vegetariern und besonders bei Veganern, da der Großteil an B12 in Lebensmitteln tierischen Ursprungs vorhanden ist: Fleisch, Fisch, Eiern und Milchprodukten.

Daneben gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die einen B12-Mangel begünstigen, wie z.B.:

Metformingebrauch: Dieses Arzneimittel, das bei Typ II Diabetes eingesetzt wird, behindert die B-12 Aufnahme.

Hoher Kaffeekonsum: Vier oder mehr Tassen Kaffeegenuss können die B-Speicher um bis zu 15% verringern.

Antazida und Protonenpumpen - Hemmer: Der Gebrauch von Medikamenten zur Neutralisierung von Magensäure ist sehr weit verbreitet. Da viele dieser Arzneimittel rezeptfrei sind, werden sie auch häufig in höheren Dosierungen eingenommen. Sie führen über eine Verringerung der Magensaftsekretion auch zu einer verringerten B12-Aufnahme.

Zusammenfassung

Vitamin B-12 ist lebensnotwendig für die Energieerzeugung im Körper durch Umwandlung von Kohlenhydraten und Fettsäuren in verwertbare Traubenzuckereinheiten. Ein Mangel an Vitamin B12 kann sich durch besondere Diätformen, wie vegetarische oder vegane Ernährung, wie auch durch Medikamente und hohem Kaffeegenuss entwickeln. Besonders bei älteren Menschen sinkt die Möglichkeit der Aufnahme von B12 aus der Nahrung durch eine verminderte körpereigene Produktion des notwendigen Begleitstoffes „intrinsischer Faktor“.

B-12 Mangel äußert sich häufig zuerst durch mentale Probleme wie Konzentrations-verlust, Gedächtnisstörungen, Antriebslosigkeit, später durch allgemeine Müdigkeit und Energie-losigkeit.

Vitamin B12 kann über die Nahrung und hochwertige Nahrungsergänzungen zugeführt werden, ein Mangel, der sich u.a. durch oben genannte Symptome äußert, kann behoben werden.

Sarnen, 02.03.2014


1Goebels, N, Soyka, M: Dementia associated with vitamin B12 deficiency: presentation of two cases and review of the literature. J Neuropsychiatry Clin Neurosci 12(3); p389-94, 2000

2Van Dam, F, Van Gool, WA: Hyperhomocysteinemia and Alzheimer’s disease: A systematic review. Archives of Gerontology and Geriatrics 48, p425-30, 2009

3Hooshmand B et al.: Homocysteine and holotranscobalamin and the risk of Alzheimer disease. Neurology 75 (16), p1408-14 (2010)

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